Monat: Februar 2017

Ein bemerkenswerter Tag

Der Hin­ter­grund: Unse­re Mäd­chen aus der Rusche­stra­ße hat­ten sich schon seit lan­gem gewünscht, Schwim­men zu ler­nen und mei­ne Freun­de, Freun­din­nen und Ver­wand­ten hat­ten mir zum Geburts­tag eine Spen­de zu Guns­ten unse­res Schwimm­pro­jek­tes geschenkt. Es kam genü­gend Geld zusam­men, um den 12 Mäd­chen 10 Ein­hei­ten eines Schwimm­kur­ses in der Anton Sae­kow Schwimm­hal­le zu finan­zie­ren. Die Eltern der Mäd­chen waren auf einer extra ein­be­ru­fe­nen Eltern­ver­samm­lung gewon­nen wor­den  –  mit­hil­fe u.a. des Fotos von Suni­ta (12) im nor­ma­len Ein­tei­ler-Bade­an­zug und mit­hil­fe von Abir Alhaj Mawas, der syri­schen Kol­le­gin von Terre des Femme, die sehr pas­send aus dem Koran zitie­ren konn­te.  Alle Eltern hat­ten nach der Zusi­che­rung, dass wir eine rei­ne Mäd­chen­grup­pe mit einer weib­li­chen Schwimm­leh­re­rin sein wür­den, schrift­lich ihre Ein­wil­li­gung gege­ben.

Soweit so gut. Die Finan­zie­rung war gesi­chert, Rena­te Grand­ke hat die Bade­an­zü­ge besorgt und Uta Zacha­ri­as die Kon­tak­te zur Schwimm­hal­le und zur Schwimm­leh­re­rin her­ge­stellt. Die ers­te Schwimm­stun­de wür­de am Mitt­woch, dem 18. Janu­ar statt­fin­den.

Etwas hat­ten wir aller­dings nicht bedacht. Näm­lich dass in der gro­ßen Schwimm­hal­le mög­li­cher­wei­se auch Jun­gen zuge­gen sein wür­den. Als mir das am Tag vor dem Ereig­nis viel zu spät ein­fiel, war es nicht mehr mög­lich, die Mäd­chen dar­auf vor­zu­be­rei­ten.

Über die Schwimm­stun­de Nr. 1, bei der ich nicht anwe­send sein konn­te, lie­fen als­bald schlim­me Berich­te bei mir ein. Völ­lig ent­setzt hät­ten die Mäd­chen reagiert, als sie die Jun­gens in der Schwimm­hal­le ent­deck­ten. »Bar­ba­ra hat doch gesagt, da wären kei­ne Jungs!« Nur mit Mühe sei es ihr gelun­gen, erzähl­te mir Uta, alle Mäd­chen in das Lern­schwimm­be­cken zu bug­sie­ren, das getrennt neben dem gro­ßen Schwimm­be­cken liegt und gut ein­seh­bar ist. Schluss­end­lich hat­ten dann doch alle Mäd­chen ihren Spaß, for­der­ten jedoch ein­mü­tig Bur­ki­nis. Am nächs­ten Tag wur­de mir von der Heim­lei­tung berich­tet, dass nur noch 4 Mäd­chen am Schwimm­un­ter­richt teil­neh­men woll­ten.

Am dar­auf fol­gen­den Mon­tag, unse­rem nächs­ten Kurs-Ter­min, fuhr ich mit äußerst gemisch­ten Gefüh­len zur Rusche­stra­ße. Für mich stand nach wie vor fest: von uns finan­zier­ter Schwimm­un­ter­richt wird nur in einem nor­ma­len Bade­an­zug statt­fin­den. Aber die Mäd­chen mach­ten offen­bar nicht mit! Wahr­schein­lich wür­den heu­te nur die vier Wil­li­gen, oder gar nie­mand zu mei­nem Kurs kom­men.

Und dann pas­siert ein klei­nes Wun­der. Als ich kurz nach 15:30 Uhr die Unter­kunft in der Rusche­stra­ße betrat, rann­ten 12 Mäd­chen mit gro­ßem Hal­lo auf mich zu, umarm­ten mich stür­misch und schrien mir laut zu: »Bar­ba­ra, Bar­ba­ra! Wir haben ein Pro­blem!« Noch nie waren die Mäd­chen so pünkt­lich gewe­sen! Noch nie waren alle von Anfang an da! Heu­te waren alle da und pünkt­lich wie die Mau­rer.

In unse­rem Übungs­raum ent­spann­te sich dann eine Gesprächs­run­de wie ich sie noch nie mit Kin­dern die­ses Alters (8–12 Jah­re) erlebt habe. Die Mäd­chen brach­ten ihre Argu­men­te lei­den­schaft­lich vor, gaben zu, dass zwar nicht die deut­schen, wohl aber die ara­bi­schen Jun­gen „guck­ten“; erklär­ten, dass Schön­heit gefähr­lich sei und des­halb ver­deckt wer­den müs­se; dass sie die Arme und die Bei­ne ver­ber­gen müss­ten und dass sie in die Höl­le kämen, wenn sie sich unbe­deckt zei­gen wür­den.

Mit der Unter­stüt­zung von Abir, die trotz star­ker Unpäss­lich­keit, in die Rusche­stra­ße gekom­men war, spra­chen wir dann über Jun­gens, über deren Bli­cke, über die nack­ten Arme und Bei­ne von Mäd­chen,

über das Para­dies und die Höl­le und wodurch und war­um man zu dem einen oder zu dem ande­ren Ort gelan­gen wür­de: ob wegen irgend­wel­cher Klei­dungs­stü­cke – Kopf­tuch, Bur­ki­ni oder Niqab  – oder weil man ein guter Mensch ist und ande­ren hilft. War­um der Ver­zehr von Schwei­ne­fleisch zur Zeit Moham­meds ver­bo­ten wur­de, jedoch heu­te unge­fähr­lich ist; und ob Allah nicht auch die Schwei­ne geschaf­fen hat. Dass jeder das essen darf, was ihm schmeckt, und dass Vege­ta­ri­er gar kein Fleisch essen mögen. Ob Nicht-Mus­li­me auch gute Men­schen sein und ins Para­dies kom­men kön­nen und dass Men­schen unter­schied­li­ches glau­ben und doch gute Men­schen sein kön­nen. Und wir haben auch dar­über gespro­chen, war­um Män­ner ein Inter­es­se dar­an haben könn­ten, Frau­en klein, schwach und unsicht­bar zu machen.

Nur eine Min­der­heit der Mäd­chen, 3 oder 4, bestand von Anfang an dar­auf, dass sie kein Pro­blem hät­ten, dass sie nicht wegen der Jun­gen, son­dern um Schwim­men zu ler­nen in die Bade­an­stalt kom­men – und über­zeug­ten all­mäh­lich den Rest. Abir, die selbst Mus­li­ma ist, konn­te den Mäd­chen durch eine libe­ra­le Koran­in­ter­pre­ta­ti­on glaub­haft ver­si­chern, dass der Pro­phet mit Sicher­heit nichts dage­gen haben wür­de, wenn sie in Deutsch­land ohne Kopf­tuch gehen und in einem nor­ma­len Schwimm­an­zug schwim­men ler­nen. Und ich konn­te ihnen einen klei­nen Ein­blick in das Sys­tem und die Metho­den der archai­schen Frau­en­un­ter­drü­ckung ver­mit­teln, die lan­ge vor Moham­med erfun­den wur­de und nichts mit Reli­gi­on zu tun hat­te. Jeden­falls waren am nächs­ten Mitt­woch alle 12 Mäd­chen zur Stel­le, alle tru­gen ihren Bade­an­zug und selbst Sahar, die eif­rigs­te Ver­fech­te­rin der Ver­schleie­rung, die sogar einen Kurz­arm­bur­ki­ni mit­ge­bracht hat­te, ließ die­sen im Schrank.

Die­se Dis­kus­si­on, die aus­schließ­lich auf Deutsch aus­ge­tra­gen wur­de, und bei der die Mäd­chen so ernst­haft und so kon­zen­triert, so offen und so auf­merk­sam beim Zuhö­ren und beim Ver­ste­hen argu­men­tiert hat­ten, hat mich tief beein­druckt. Die­se Mäd­chen sind nicht nur wil­lens zu ler­nen, sie sind auch bereit, tief ein­ge­pflanz­te Vor­ur­tei­le und Beschrän­kun­gen ihrer Bewe­gungs­frei­heit nach und nach abzu­le­gen. Der Schwimm­un­ter­richt, die Freu­de an der Bewe­gung im Was­ser und das Vor­bild von erwach­se­nen Frau­en, zu denen sie Ver­trau­en haben, trägt mehr bei zum all­mäh­li­chen Abbau der früh ein­ge­pflanz­ten weib­li­chen Scham- und Schuld­ge­füh­le als alles reden.