Autor: Barbara Schaeffer-Hegel

Schwimmen um die Wette

Der zweite Schwimmkurs mit Chris in der Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark (SSE)

Am 22. Febru­ar ist es end­lich soweit: wir kön­nen unse­ren zwei­ten Schwimm­kurs begin­nen. Nach län­ge­ren Ver­hand­lun­gen mit dem Ber­li­ner Sport­bund und der Schwimm- und Sprung­hal­le im Euro­pa­s­port­park (SSE) begin­nen wir am 22. Febru­ar 2018 einen zwei­ten Zehn-Wochen­kurs. Die Mäd­chen hat­ten immer wie­der so drin­gend danach gefragt und sie soll­ten ja auch noch siche­rer und aus­dau­ern­der schwim­men ler­nen. Da die Zusam­men­ar­beit mit der Schwimm­hal­le Anton-Saef­kow-Platz und mit dem Ver­ein, der uns bei der Bean­tra­gung der För­de­rung durch den Ber­li­ner Sport unter­stützt hat­te, lei­der nicht in jeder Hin­sicht erfolg­reich ver­lau­fen war, über­nahm der Ver­ein Lie­ber­Le­sen e.V. die Kos­ten für den zwei­ten Kurs selbst. Und wir wech­sel­ten die Schwimm­hal­le. In der Schwimm- und Sprung­hal­le im Euro­pa Sport­park (SSE) fan­den wir opti­ma­le Bedin­gun­gen. Vor allem mit unse­rem neu­en Schwimm­leh­rer Chris Koch haben wir es wun­der­bar getrof­fen. Obwohl die Mäd­chen nicht immer sofort gehorch­ten und manch­mal schwer zu bän­di­gen waren, hat Chris mit lie­bens­wer­ter Geduld und mit sehr viel Ver­ständ­nis zusam­men mit Vic­to­ria, sei­ner Assis­ten­tin, unse­ren Mäd­chen das Tau­chen, das Schwim­men, das Rücken­schwim­men und vor allem eine lan­ge Aus­dau­er im Was­ser ver­mit­telt. Die Zusam­men­ar­beit mit dem SSE war auch in ande­rer Hin­sicht erfreu­lich: Chris Koch, unser tol­ler Schwimm Leh­rer, bemüht sich zur Zeit, eine För­de­rung für wei­te­re Mäd­chen­grup­pen aus Flücht­lings­quar­tie­ren durch die Ber­li­ner Bäder Betrie­be zu orga­ni­sie­ren und im offi­zi­el­len Organ des Bun­des­ver­ban­des deut­scher Schwimm­meis­ter e.V., »Das Schwimm­bad und sein Per­so­nal. Inter­na­tio­na­le Fach­zeit­schrift für Bäder­per­so­nal, Bäder­be­trei­ber und Bäder­an­la­gen« erschien Anfang Juni ein Arti­kel über unse­ren Ver­ein, über unse­re tol­len Schwim­me­rin­nen und über ihre erfolg­rei­che Zer­ti­fi­zie­rung mit der Bron­ze­me­dail­le.

Die Leseratten

Nach­dem unser Antrag bei der Lot­to­stif­tung nach einem gan­zen Jahr Hin­hal­ten und immer wie­der Hoff­nung machen letzt­end­lich doch abge­lehnt wur­de, muss­ten wir die Arbeit in unse­rem Ver­ein neu über­den­ken. Die Grün­dung neu­er Grup­pen, die LieberLesen e.V. fest vor­hat­te, war unter den gege­be­nen Bedin­gun­gen nicht mög­lich. Für die ehren­amt­li­chen Mit­ar­bei­te­rin­nen, die uns zwei Jah­re lang treu zur Sei­te gestan­den und so viel gehol­fen hat­ten, war die dau­er­haf­te und regel­mä­ßi­ge Arbeit über Wochen hin nicht mehr zumut­bar. Wäh­rend wir auf der Suche nach neu­en Res­sour­cen und neu­en Mög­lich­kei­ten für die Wei­ter­ar­beit unse­res Ver­eins waren, über­brück­ten wir die Zeit durch drei regel­mä­ßi­ge Ange­bo­te, von denen nur zwei vom Ver­ein Lie­ber­Le­sen aus­gin­gen.

  1. Unse­re Mäd­chen konn­ten nach wie vor jeden Frei­tag­nach­mit­tag den Löwen-Kinderchor des Ber­li­ner Lions Club besu­chen und bei den Auf­füh­run­gen des Chors mit­wir­ken,
  2. der zwei­te Schwimmkurs lief – aller­dings mit etwas Ver­spä­tung – im Febru­ar 2018 wie­der an und
  3. jeden Sams­tag­vor­mit­tag tra­fen sich die Mäd­chen, die Lust und Freu­de am Lesen haben, die Leseratten, um gemein­sam ein Jung­mäd­chen Buch zu lesen, zu kochen, gemein­sam zu essen und dann einen Film zu sehen.

Die Lese­rat­ten-Mäd­chen ste­hen jeden Sams­tag pünkt­lich um 10:00 Uhr vor der Tür, um mehr über die auf­re­gen­den Erleb­nis­se der vier Pen­der­wick-Schwes­tern Rosa­lind, Sky, Jane und Bat­ty zu erfah­ren, die die Autorin Jean­ne Birds­all in ihrem span­nen­den Buch „Die Penderwicks“ sehr unter­halt­sam, aber auch in recht anspruchs­vol­ler Spra­che auf­ge­schrie­ben hat. Im Lau­fe eines knap­pen Jah­res lasen die Mäd­chen das gesam­te mehr als 300 Sei­ten umfas­sen­de Buch und woll­ten zum Schluss unbe­dingt mit dem zwei­ten Band fort­fah­ren.

Das Ferienprogramm im Sommer 2017

Unser Feri­en­pro­gramm in den Som­mer­fe­ri­en 2017 hat erheb­lich dar­un­ter gelit­ten, dass die Mäd­chen mit ihren Fami­li­en ziem­lich unvor­be­rei­tet aus der Rusche­s­tra­ße aus­zie­hen muss­ten, aller­dings um in eine etwas groß­zü­gi­ge­re Unter­kunft in der Bor­nitz­stra­ße ein­zu­zie­hen. Nicht alle unse­re Mäd­chen wur­den in die Bor­nitz­stra­ße 104 ver­legt, man­che von ihnen in Unter­künf­te, die in der Nähe lie­gen.  Für die Fami­lie eines unse­rer Mäd­chen war es gelun­gen, eine Woh­nung in Hel­lers­dorf anzu­mie­ten.

Das fol­gen­de Feri­en­pro­gramm wur­de daher recht unre­gel­mä­ßig und nicht von allen Mäd­chen besucht:

Im Schul­gar­ten Moa­bit gab es vom 20. bis 23. Juli jeweils von 11:00 bis 16:00 Uhr eine Beautywoche, die von Kath­rin Rich­ter-Wiß­mann orga­ni­siert wor­den war und von ihr beglei­tet wur­de. Die Mäd­chen mach­ten dort Bekannt­schaft mit aller­lei Cremes, Puder­sor­ten und Schmink Uten­si­li­en, und lern­ten, sich in alle Eier wol­len wir uns über war ja lei­der genau das ist hier biss­chen schwie­rig mög­li­chen Elfen und Prin­zes­sin­nen und schö­ne Frau­en zu ver­wan­deln.

Am 26. Juli wur­de wie­der Fahrradgefahren mit Uta Zacha­ri­as; Fahr­rad fah­ren ist nach dem stim­men eine der liebs­ten Akti­vi­tä­ten der Mäd­chen. Wie schon ein paar Mal zuvor, doch jeweils am spä­te­ren Nach­mit­tag, konn­ten die Mädels jetzt in den Feri­en schon am Vor­mit­tag um 10:00 Uhr ihren gelieb­ten Fahr­rad­sport in der Ver­kehrs­schu­le Lich­ten­berg prak­ti­zie­ren.

Wie­der im Schul­gar­ten Moa­bit konn­ten die Mäd­chen vom 31. Juli bis zum 4. August jeweils von 10:00 bis 17:00 Uhr in einem Workshop mit Kath­rin Rich­ter-Wiß­mann ihre eige­nen Comicbücher anfer­ti­gen. Sie durch­lie­fen dabei den gan­zen Pro­duk­ti­ons­pro­zess eines Heftes/​Buches, von der Erfin­dung einer Geschich­te, dem Zeich­nen der Bil­der, über die Nie­der­schrift der Tex­te, das Zusam­men­fal­ten und Zusam­men­le­gen der ein­zel­nen Blät­ter bis zum Bin­den des Hef­tes. Und natür­lich durf­ten sie ihr selbst­ge­fer­tig­tes Comic­buch mit nach Hau­se neh­men.

Am 9. August waren die Mäd­chen außer­halb Ber­lins unter­wegs. Mit meh­re­ren Autos fuh­ren wir zunächst zum Kloster Lehnin. Nach einer kräf­ti­gen Por­ti­on Eis konn­ten unse­re Mäd­chen das Klos­ter besich­tig­ten und ein biss­chen etwas über die Kul­tur des christ­li­chen Abend­lan­des erfah­ren. Ale­xa und Rocha­ma Bau­mann, zwei nach Deutsch­land über­ge­sie­del­te Schwei­ze­rin­nen und Unter­stüt­ze­rin­nen von Lie­ber­Le­sen e.V., die durch ihre groß­zü­gi­ge Spen­de vie­le der mit den Mäd­chen unter­nom­me­nen Akti­vi­tä­ten ermög­lich­ten, hat­ten die Grup­pe ein­ge­la­den. Nach der Klos­ter­be­sich­ti­gung ging es zum Picknick auf einen Pony­hof, wo es lecke­re Sala­te, Würst­chen und Fri­ka­del­len aus Rind­fleisch, Kuchen und aller­lei Süßig­kei­ten zum Nach­tisch gab. Jedes der Mäd­chen durf­te dann eine gro­ße Run­de um den Hof auf einem gro­ßen Pony reiten.

Ein wei­te­res High­light war als letz­te Feri­en­ak­ti­vi­tä­ten der Tag in Barbaras Hütte am See. Am Mon­tag den 14. August ging es los. Zehn Mäd­chen und vier frei­wil­li­ge Hel­fe­rin­nen vom Ver­ein waren nach Groß Leu­then am See gefah­ren, wo mei­ne klei­ne Hüt­te steht. Mei­ne Nich­te Astrid Schwei­zer mach­te dort gera­de Urlaub und hat­te alles vor­be­rei­tet. Nach der Ankunft im Spree­wald und der Besich­ti­gung des Grund­stü­ckes und der Hüt­te ging es so schnell wie mög­lich an den See. Ein klei­ner, nur 5 Minu­ten ent­fern­ter Sand­strand mit tol­len moder­nen Spiel­ge­rä­ten lock­te die Grup­pe ans Was­ser. Mit Freu­den und viel Geschrei ging es in den Groß Leu­the­ner See. Die Mäd­chen schwam­men und tauch­ten und tum­mel­ten sich im Was­ser bis Taha­ni und Astrid zum Mit­tag­essen rie­fen. Der Grill war ange­wor­fen wor­den, das Fleisch war gerös­tet, die Sala­te ange­rich­tet und der Hun­ger nach dem Schwim­men gut ent­wi­ckelt. Das Essen schmeckt her­vor­ra­gend! Nach einem aus­gie­bi­gen Mit­tags­mahl ging es aber sofort wie­der zurück an den See. Das Schwim­men im See mach­te den Mäd­chen so viel Spaß, dass sie ein gan­zes Jahr lang davon spra­chen und dar­auf bestan­den, dass wir in den nächs­ten Som­mer­fe­ri­en unbe­dingt wie­der in die Hüt­te am See gehen soll­ten. Dies­mal aber nicht nur einen Tag, son­dern eine gan­ze Woche!!

Aktivitäten und Ausflüge vor den Sommerferien 2017

Nach­dem die reli­giö­sen Zwei­fel besei­tigt waren und die Mäd­chen so tol­len Spaß am Was­ser gefun­den hat­ten, waren die wöchent­li­chen Schwimm­stun­den mit Uta Zacha­ri­as oder mit mir das High­light der Woche. Schwim­men war das schöns­te! Mit einer Aus­nah­me erreich­ten alle Mäd­chen zum Ende des Kur­ses das Seepferdchen und waren enorm stolz dar­auf, ihr Zer­ti­fi­kat und das auf den Bade­an­zug auf­zu­nä­hen­de See­pferd­chen aus Stoff in Emp­fang zu neh­men. Nur Sara konn­te oder woll­te die Aus­dau­er für die lan­ge Schwimm­stre­cke nicht auf­brin­gen – dafür war sie aber die ein­zi­ge, die einen per­fek­ten Kopf­sprung aus­füh­ren konn­te.

Wäh­rend unse­rer wöchent­li­chen Tref­fen in der Flücht­lings­un­ter­kunft in der Rusche­s­tra­ße hat­te Sara, die Tän­ze­rin, die auch eine hohe Bega­bung für Cho­reo­gra­fie und Tanzar­ran­ge­ments zeig­te, außer­dem mit ihren Freun­din­nen meh­re­re Tän­ze ein­stu­diert. Am Mitt­woch dem 11. Janu­ar durf­te die Grup­pe ihre Tänze im Grand Hyatt vor­füh­ren. Der Lions Club Pari­ser Platz hat­te die Mäd­chen ein­ge­la­den und spen­de­te ihnen nicht nur begeis­ter­ten Bei­fall, son­dern auch eine erfreu­li­che Geld­spen­de.

Der nächs­te Höhe­punkt fand am Sonn­tag den 19. März 2017 statt: fünf unse­rer Mäd­chen, die seit Beginn des Jah­res Mit­glie­der des Löwen­chors der Ber­li­ner Lions waren, san­gen mit bei einer Auf­füh­rung der Carmina Burana in der Berliner Philharmonie.

Am Diens­tag dem 4. März gab es für die Grup­pe den inter­es­san­ten, abwechs­lungs­reich geführ­ten Stadt­spa­zier­gang „Berlin mit Hut“, der den Mäd­chen Ein­bli­cke in die Ber­li­ner Stadt­ge­schich­te gab und ihnen eini­ge inter­es­san­te Orte im alten Ber­lin zeig­te.

Am 25. März gab es einen Workshop bei KPM bei dem die Mäd­chen töp­fern und malen konn­ten und jede ein selbst gefer­tig­tes Ton­ge­fäß mit nach Hau­se neh­men durf­te.

Im FEZ, in Euro­pas größ­tem Kin­der- Jugend- und Fami­li­en­zen­trum, gab es dann am 12. April einen Work­shop, auf dem die Mäd­chen in die Grund­la­gen der Elek­tri­zi­tät ein­ge­führt wur­den und jede eine klei­ne Lampe mit Ein- und Ausschaltmodus bas­teln und mit­neh­men konn­te.

Und noch eine tol­le Abwechs­lung gab es: am 13. April konn­ten die Mäd­chen ein Kurzpraktikum absol­vie­ren, wahl­wei­se in einem exqui­si­ten Fri­seur­ge­schäft oder in einer Schnei­de­rei

Ein bemerkenswerter Tag

Der Hin­ter­grund: Unse­re Mäd­chen aus der Rusche­s­tra­ße hat­ten sich schon seit lan­gem gewünscht, Schwim­men zu ler­nen und mei­ne Freun­de, Freun­din­nen und Ver­wand­ten hat­ten mir zum Geburts­tag eine Spen­de zu Guns­ten unse­res Schwimm­pro­jek­tes geschenkt. Es kam genü­gend Geld zusam­men, um den 12 Mäd­chen 10 Ein­hei­ten eines Schwimm­kur­ses in der Anton Sae­kow Schwimm­hal­le zu finan­zie­ren. Die Eltern der Mäd­chen waren auf einer extra ein­be­ru­fe­nen Eltern­ver­samm­lung gewon­nen wor­den  –  mit­hil­fe u.a. des Fotos von Suni­ta (12) im nor­ma­len Ein­tei­ler-Bade­an­zug und mit­hil­fe von Abir Alhaj Mawas, der syri­schen Kol­le­gin von Terre des Femme, die sehr pas­send aus dem Koran zitie­ren konn­te.  Alle Eltern hat­ten nach der Zusi­che­rung, dass wir eine rei­ne Mäd­chen­grup­pe mit einer weib­li­chen Schwimm­leh­re­rin sein wür­den, schrift­lich ihre Ein­wil­li­gung gege­ben.

Soweit so gut. Die Finan­zie­rung war gesi­chert, Rena­te Grand­ke hat die Bade­an­zü­ge besorgt und Uta Zacha­ri­as die Kon­tak­te zur Schwimm­hal­le und zur Schwimm­leh­re­rin her­ge­stellt. Die ers­te Schwimm­stun­de wür­de am Mitt­woch, dem 18. Janu­ar statt­fin­den.

Etwas hat­ten wir aller­dings nicht bedacht. Näm­lich dass in der gro­ßen Schwimm­hal­le mög­li­cher­wei­se auch Jun­gen zuge­gen sein wür­den. Als mir das am Tag vor dem Ereig­nis viel zu spät ein­fiel, war es nicht mehr mög­lich, die Mäd­chen dar­auf vor­zu­be­rei­ten.

Über die Schwimm­stun­de Nr. 1, bei der ich nicht anwe­send sein konn­te, lie­fen als­bald schlim­me Berich­te bei mir ein. Völ­lig ent­setzt hät­ten die Mäd­chen reagiert, als sie die Jun­gens in der Schwimm­hal­le ent­deck­ten. »Bar­ba­ra hat doch gesagt, da wären kei­ne Jungs!« Nur mit Mühe sei es ihr gelun­gen, erzähl­te mir Uta, alle Mäd­chen in das Lern­schwimm­be­cken zu bug­sie­ren, das getrennt neben dem gro­ßen Schwimm­be­cken liegt und gut ein­seh­bar ist. Schluss­end­lich hat­ten dann doch alle Mäd­chen ihren Spaß, for­der­ten jedoch ein­mü­tig Bur­ki­nis. Am nächs­ten Tag wur­de mir von der Heim­lei­tung berich­tet, dass nur noch 4 Mäd­chen am Schwimm­un­ter­richt teil­neh­men woll­ten.

Am dar­auf fol­gen­den Mon­tag, unse­rem nächs­ten Kurs-Ter­min, fuhr ich mit äußerst gemisch­ten Gefüh­len zur Rusche­s­tra­ße. Für mich stand nach wie vor fest: von uns finan­zier­ter Schwimm­un­ter­richt wird nur in einem nor­ma­len Bade­an­zug statt­fin­den. Aber die Mäd­chen mach­ten offen­bar nicht mit! Wahr­schein­lich wür­den heu­te nur die vier Wil­li­gen, oder gar nie­mand zu mei­nem Kurs kom­men.

Und dann pas­siert ein klei­nes Wun­der. Als ich kurz nach 15:30 Uhr die Unter­kunft in der Rusche­s­tra­ße betrat, rann­ten 12 Mäd­chen mit gro­ßem Hal­lo auf mich zu, umarm­ten mich stür­misch und schrien mir laut zu: »Bar­ba­ra, Bar­ba­ra! Wir haben ein Pro­blem!« Noch nie waren die Mäd­chen so pünkt­lich gewe­sen! Noch nie waren alle von Anfang an da! Heu­te waren alle da und pünkt­lich wie die Mau­rer.

In unse­rem Übungs­raum ent­spann­te sich dann eine Gesprächs­run­de wie ich sie noch nie mit Kin­dern die­ses Alters (8–12 Jah­re) erlebt habe. Die Mäd­chen brach­ten ihre Argu­men­te lei­den­schaft­lich vor, gaben zu, dass zwar nicht die deut­schen, wohl aber die ara­bi­schen Jun­gen „guck­ten“; erklär­ten, dass Schön­heit gefähr­lich sei und des­halb ver­deckt wer­den müs­se; dass sie die Arme und die Bei­ne ver­ber­gen müss­ten und dass sie in die Höl­le kämen, wenn sie sich unbe­deckt zei­gen wür­den.

Mit der Unter­stüt­zung von Abir, die trotz star­ker Unpäss­lich­keit, in die Rusche­s­tra­ße gekom­men war, spra­chen wir dann über Jun­gens, über deren Bli­cke, über die nack­ten Arme und Bei­ne von Mäd­chen,

über das Para­dies und die Höl­le und wodurch und war­um man zu dem einen oder zu dem ande­ren Ort gelan­gen wür­de: ob wegen irgend­wel­cher Klei­dungs­stü­cke – Kopf­tuch, Bur­ki­ni oder Niqab  – oder weil man ein guter Mensch ist und ande­ren hilft. War­um der Ver­zehr von Schwei­ne­fleisch zur Zeit Moham­meds ver­bo­ten wur­de, jedoch heu­te unge­fähr­lich ist; und ob Allah nicht auch die Schwei­ne geschaf­fen hat. Dass jeder das essen darf, was ihm schmeckt, und dass Vege­ta­ri­er gar kein Fleisch essen mögen. Ob Nicht-Mus­li­me auch gute Men­schen sein und ins Para­dies kom­men kön­nen und dass Men­schen unter­schied­li­ches glau­ben und doch gute Men­schen sein kön­nen. Und wir haben auch dar­über gespro­chen, war­um Män­ner ein Inter­es­se dar­an haben könn­ten, Frau­en klein, schwach und unsicht­bar zu machen.

Nur eine Min­der­heit der Mäd­chen, 3 oder 4, bestand von Anfang an dar­auf, dass sie kein Pro­blem hät­ten, dass sie nicht wegen der Jun­gen, son­dern um Schwim­men zu ler­nen in die Bade­an­stalt kom­men – und über­zeug­ten all­mäh­lich den Rest. Abir, die selbst Mus­li­ma ist, konn­te den Mäd­chen durch eine libe­ra­le Koran­in­ter­pre­ta­ti­on glaub­haft ver­si­chern, dass der Pro­phet mit Sicher­heit nichts dage­gen haben wür­de, wenn sie in Deutsch­land ohne Kopf­tuch gehen und in einem nor­ma­len Schwimm­an­zug schwim­men ler­nen. Und ich konn­te ihnen einen klei­nen Ein­blick in das Sys­tem und die Metho­den der archai­schen Frau­en­un­ter­drü­ckung ver­mit­teln, die lan­ge vor Moham­med erfun­den wur­de und nichts mit Reli­gi­on zu tun hat­te. Jeden­falls waren am nächs­ten Mitt­woch alle 12 Mäd­chen zur Stel­le, alle tru­gen ihren Bade­an­zug und selbst Sahar, die eif­rigs­te Ver­fech­te­rin der Ver­schleie­rung, die sogar einen Kurz­arm­bur­ki­ni mit­ge­bracht hat­te, ließ die­sen im Schrank.

Die­se Dis­kus­si­on, die aus­schließ­lich auf Deutsch aus­ge­tra­gen wur­de, und bei der die Mäd­chen so ernst­haft und so kon­zen­triert, so offen und so auf­merk­sam beim Zuhö­ren und beim Ver­ste­hen argu­men­tiert hat­ten, hat mich tief beein­druckt. Die­se Mäd­chen sind nicht nur wil­lens zu ler­nen, sie sind auch bereit, tief ein­ge­pflanz­te Vor­ur­tei­le und Beschrän­kun­gen ihrer Bewe­gungs­frei­heit nach und nach abzu­le­gen. Der Schwimm­un­ter­richt, die Freu­de an der Bewe­gung im Was­ser und das Vor­bild von erwach­se­nen Frau­en, zu denen sie Ver­trau­en haben, trägt mehr bei zum all­mäh­li­chen Abbau der früh ein­ge­pflanz­ten weib­li­chen Scham- und Schuld­ge­füh­le als alles reden.

Ein anonymer Spender

Seit Janu­ar arbei­te ich mit Mäd­chen, Alter 7–14 Jah­re, aus einer Flücht­lings­un­ter­kunft in Ber­lin. Zwei­mal in der Woche tref­fen wir uns zum Spra­che ler­nen und gele­gent­lich zu einer beson­de­ren Unter­neh­mung.

Ges­tern ging es zu Bel­las Kin­der­back­stu­be in der Lich­ten­ra­der Stein­stra­ße. Bäcker Bar­tos Krü­ger hat­te den Mäd­chen eine Back- Ses­si­on mit Bäcker­müt­zen, Kuchen­teig, klei­nen Nudel­höl­zern, Aus­stech­förm­chen und viel Zucker­streu­sel zum Deko­rie­ren spen­diert. Die Anrei­se erwies sich jedoch als müh­sam. Die S-Bahn hat­te den Betrieb auf unse­rer Stre­cke ein­ge­stellt, so dass die Rei­se statt einer mehr als zwei Stun­den dau­er­te. Die Son­ne schien heiß, die Mäd­chen waren gereizt und müde.

Lang­sam trot­te­ten sie die ruhi­ge Stein­stra­ße ent­lang, als uns ein etwa 40-jäh­ri­ger Mann über­hol­te. Auf mei­ner Höhe dreh­te er sich zu mir hin: »Haben Sie etwas dage­gen, dass ich Ihnen dies gebe, damit sie den Kin­dern Eis kau­fen kön­nen?« Sprach‘s, schob mir einen gefal­te­ten fünf­zig Euro Schein in die Hand und ging ent­schlos­sen wei­ter!

Wunder in der Nasszelle

Am Mitt­woch waren Fati­ma und ich mit zwölf Mäd­chen auf dem Weg zur öster­rei­chi­schen Bot­schaft, wo die Mäd­chen zu einem klei­nen Emp­fang ein­ge­la­den waren.

Unter­wegs im Bus muss­te die klei­ne Sara drin­gend zur Toi­let­te. Sie wein­te, weil sie nicht sicher war, ob sie es bis zum Ende der Rei­se aus­hal­ten kön­ne. Bei der nächs­ten Hal­te­stel­le ließ ich daher alle aus­stei­gen.

Mit Sara und einem zwei­ten Mäd­chen an der Hand über­quer­te ich den Pots­da­mer Platz auf der Suche nach einem am Nach­mit­tag geöff­ne­ten Restau­rant und frei­em Toi­let­ten­zu­gang. Restau­rant Num­mer zwei war geeig­net, wir durf­ten rein und welch ein Wun­der: die Nass­zel­le erwies sich als außer­or­dent­lich inter­es­sant. Sie besaß näm­lich einen Star­mix Hand­trock­ner, in den man die Hän­de von oben rein­hal­ten und sie mit der aus­strö­men hei­ßen Luft trock­nen konn­te. Eine klei­ne tech­ni­sche Zau­be­rei! Die­ses Wun­der sprach sich blitz­ar­tig her­um. Alle Mäd­chen muss­ten jetzt zur Toi­let­te zu gehen, wenn auch nur um ihre Hän­de zu waschen.

Es dau­er­te lan­ge, bis ich alle Mäd­chen wie­der an der Hal­te­stel­le hat­te und wir mit dem nächs­ten Bus wei­ter fah­ren konn­ten. Da wir genü­gend Zeit­puf­fer mit­ge­bracht hat­ten, kamen wir aber noch recht­zei­tig bei der Bot­schaft an.